Maritimes von den Färöern

Die neue SMYRIL

Am 31. Oktober, 2005, um 19 Uhr, legte die neue SMYRIL im Hafen von Tórshavn zu ihrer ersten planmäßigen Fahrt nach Suðuroy ab. Am 15. Oktober war sie nach der Fahrt von der spanischen Werft zu den Färöern im Trongisvágsfjord angekommen und von der färöischen Bevölkerung begeistert begrüßt worden.

Die färöische Landesregierung hatte den Bau der neuen Smyril 2002 bei der Werft der staatlichen Werften-Holding IZAR in San Fernando bei Cádiz in Auftrag gegeben. Das Schiff sollte im Sommer 2004 an die Färöer übergeben werden, jedoch verzögerte sich die Fertigstellung, vor allem durch einen Streik, um ein Jahr. Der vereinbarte Kaufpreis für das Schiff betrug 301 Millionen Kronen (DKK). Da die Werft wegen Nichteinhaltung des vereinbarten Ablieferungstermins eine Konventionalstrafe zahlen musste, ermäßigte sich der Preis für das Schiff auf 268 Millionen Kronen.

Die neue SMYRIL ist gezielt für den Einsatz in färöischen Gewässern zu jeder Jahreszeit und bei (fast) jedem Wetter entworfen worden. Sie ist ein „Ro-Pax carrier", d.h. ein „Roll on roll off" - Fährschiff mit Passagierkabinen, das sowohl für den Transport von Fahrzeugen als auch von Passagieren bestimmt ist. Sie hat aus Sicherheitsgründen keine Bugrampe, dafür am Heck zwei nebeneinander liegende Rampen, die es ermöglichen, dass Fahrzeuge im Bedarfsfall gleichzeitig in das Schiff hineinfahren und aus dem Schiff hinausfahren können. Im Fahrzeugdeck steht in der Längsachse des Schiffes eine Trennwand. Auf beiden Seiten der Trennwand sind absenkbare Hochrampen für Pkws angebracht, so dass Lastzüge die äußeren Fahrspuren benutzen können, ohne durch die Hochrampen behindert zu werden. Die Trennwand reicht nicht bis nach ganz vorne im Fahrzeugdeck, so dass die Fahrzeuge dort zur anderen Schiffsseite hin wenden können. Der Innenbereich für die Passagiere ist so gestaltet, dass bei vermindertem Passagieraufkommen im Winter Teile davon abgesperrt werden können.

Die Fahrzeit von Tórshavn zum Drelnes-Fährkai auf Suðuroy verkürzt sich durch den Einsatz der neuen SMMYRIL von 2 ¼ Stunden auf 1 St, 35-40 Minuten. Die neue SMYRIL besitzt Stabilisatoren, die verhindern, dass das Schiff bei schwerer See „rollt", d. h., sich um seine Längsachse dreht. Die Stabilisatoren ragen drei Meter aus dem Schiffsrumpf heraus.

Da der alte Fähranleger Drelnes gegenüber von Tvøroyri für das neue Fährschiff zu klein ist, baute man einige hundert Meter westlich einen neuen Fähranleger. Politiker aus Suðuroy hatten gehofft und sich dafür eingesetzt, dass die neue Smyril drei- oder viermal am Tage von Tórshavn nach Suðuroy und zurück fährt. Dieser Wunsch ging jedoch aus finanziellen Gründen nicht in Erfüllung. Es bleibt vorläufig bei zwei Fahrten hin und zurück pro Tag. Dafür benötigt die neue SMYRIL bei den derzeitigen Treibstoffpreisen jährlich Treibstoff für 20 Millionen Kronen. Jede zusätzliche Fahrt täglich würde im Jahr weitere 8 Millionen Kronen nur für Treibstoff erfordern. Dazu kämen weitere Kosten für zusätzlichen Einsatz von Personal etc. Erst wenn die Nachfrage nach Passagen im Vergleich zu den vergangenen Jahren erheblich steigt, wird die Reederei Strandfaraskip Landsins eine Erhöhung der Zahl der Abfahrten erwägen.

Der färöische Name „Smyril" bezeichnet den Zwergfalken oder Merlin (falco columbarius), der in Nordeuropa heimisch ist. Er ist die einzige Greifvogelart auf den Färöern.

 

Daten zur neuen SMYRIL

Reederei: Strandfaraskip Landsins, Tórshavn
Entwurf: Knud E. Hansen A/S, Kopenhagen
Bauausführung: IZAR. Construcciones Navales S.A., San Fernando/Cádiz
Baujahr: 2005
Länge in der Wasserlinie: 123 m
Länge über alles: 135 m
Breite: 22,7 m
Tiefgang: 5,6 m
Schiffshöhe von Kiel bis Oberdeck: 29,0 m
Deckshöhe: 4,7 / 5.0 m
Bruttoregistertonnen: 12.320
Nettoregistertonnen: 3.816
Hauptmaschine: 4 x 3.360 kW (4 x 4.565 Ps), von MAN B&W Diesel, Augsburg
Hilfsmaschine: 4 x 515 kW, von MAN B&W
Schiffsschrauben: 2 x CPP, von Rolls Royce, Durchmesser 4,2 m
Seitenschrauben am Bug: 2 x 1,100 kW, von Rolls Royce
Höchstgeschwindigkeit: 23 Knoten
Reisegeschwindigkeit: 21 Knoten
Reichweite: 4.800 nautische Meilen
Passagiere: Winter: 800 - Sommer: 975
Fahrzeuge: 200 Pkw oder 30 Lastzüge (Trailer)
Kabinen: Passagiere: 96 - Mannschaft: 24

 

Die vier Vorgängerinnen der neuen SMYRIL

Den Bau der e r s t e n „Smiril" gab die Handelsfirma A/S Johan Mortensen Eftf. (Nachf.), Tvøroyri, bei der Werft Kockum Mekaniska Verkstad Aktiebolag in Malmö in Auftrag. Das Schiff hatte 163 Bruttoregistertonnen und kostete damals 70.000 Kronen (DKK). Es erhielt bei der Schiffstaufe den Namen „Smiril". Der Stapellauf geschah am 15. Oktober 1895 in Malmö, und das Schiff kam am 19. Dezember im Trongisvágsfjord an.

Bereits 1885 hatten 42 Färinger in einer Petition an das Lögting gefordert, einen innerfäröischen Dampfschiffahrtsdienst einzurichten. Das Lögting behandelte die Petition, aber es geschah nichts. Erst rund zehn Jahre später kam Bewegung in die Sache. Das Lögting setzte eine Kommission ein, die mit der dänischen Reederei DFDS über einen innerfäröischen Schiffsdienst verhandeln sollte, aber DFDS hatte kein Interesse an dem Projekt. Daraufhin erbot sich der Skipper Jens Andreasen í Dali, in seine Slup (Kutter) Dauntless eine Schiffsmaschine einzubauen, die mit Petroleum betrieben werden sollte, da „Petroleum als Brennstoff ... bedeutend billiger als Kohle ist", wie es im Kommissionsbericht heißt. Jens í Dali machte dem Lögting das Angebot, für 38.000 Kronen jährlich mit seiner motorisierten Slup den innerfäröischen Schiffsdienst zu betreiben. Die Kommission rechnete aus, dass bei den Einnahmen ein Defizit von 10.000 Kronen zu erwarten sei, und meinte, dass dieses Defizit durch einen Zuschuss des Dänischen Reiches gedeckt werden müsse.

Bevor diese Frage geklärt worden war, hatte die Firma Johan Mortensen Eftf. bereits ohne Wissen des Lögtings Verhandlungen mit der Regierung in Kopenhagen aufgenommen und angeboten, von Januar 1996 an mit ihrem Dampfschiff „Smiril" einen innerfäröischen Schiffsdienst einzurichten. Am 1. Juli 1895 erhielt Færø Amt von der Regierung in Kopenhagen die Mitteilung, dass die Regierung der Firma Johan Mortensen Eftf. die Genehmigung zur Einrichtung eines innerfäröischen Liniendienstes mit einem Dampfschiff erteilt habe. Zu diesem Zweck sagte die dänische Regierung der Firma Johan Mortensen Eftf. einen jährlichen Zuschuss von 12.000 Kronen aus der Reichskasse zu, allerdings unter der Bedingung, dass der Fahrplan und die Fahrpreise vorher vom Lögting genehmigt werden müssten, was am 18. November 1895 geschah.

Der erste Einsatz eines Dampfschiffes für die Verbindungen zwischen den färöischen Inseln war eine wirkliche Revolution. Freilich sah der Fahrplan völlig anders als heute aus. Die „Smiril" lief in einer Art Rundreise von Trongisvágur aus nacheinander sämtliche färöischen Inseln, sogar die Außeninseln, an und kam erst nach vielen Tagen wieder zum Trongisvágsfjord zurück. Die meisten Küstenorte der Färöer besaßen damals noch keine Kaianlage. Deshalb musste die Smiril vor vielen Küstenorten, die sie anlief, vor Anker gehen, damit die Passagiere und die Fracht aus- bzw. eingebootet werden konnten. Auf dieser Rundfahrt kam sie mehrmals nach Tórshavn. Viermal jährlich lief sie die Hafenstadt Leith in Schottland an. Außer für den Liniendienst wurde die „Smiril" auch gelegentlich als Fischereischutzschiff eingesetzt. So brachte sie 1898 einen englischen Fischtrawler auf, der vor Eiði unerlaubt innerhalb der färöischen Fischereihoheitsgrenze gefischt hatte. 1901 fuhr die „Smiril" nach Malmö und erhielt dort einen Decksaufbau. Im Januar 1925, als sich die „Smiril" auf der Fahrt nach Klaksvík auf der Höhe von Mj?vanes/Eysturoy befand, spülte eine schwere See die Decksaufbauten ins Meer. Dabei fanden fünf Passagiere den Tod.

Im Jahre 1917 verkaufte A/S Johan Mortensen Eftf. die „Smiril" an das Amt der Färöer (Færøernes Amtskommune). Doch blieb Trongisvágur der Heimathafen des Schiffes, bis die Handelsfirma 1921 bankrott ging. Dann wurde die „Smiril" mit Heimathafen Tórshavn registriert. 1932 verkaufte das Amt der Färöer die „Smiril" nach Island, wo sie unter dem Namen „Sverrir" eingesetzt wurde.
 

Der Bau der z w e i t e n „Smiril" wurde vom Lögting bei einer Werft in Frederikshavn in Jütland in Auftrag gegeben. Das neue Schiff wurde 1932 in Dienst gestellt. Es war mit 300 Bruttoregistertonnen wesentlich größer als die erste „Smiril". Es hatte einen Rauch- und einen Speisesalon und Kojen für die Passagiere. Allerdings bekam das Schiff bald den Ruf, ein „rullibukka" zu sein, weil es selbst bei ruhiger See dazu neigte, zu „rollen", so dass manchen Passagieren beim Gedanken an die zweite „Smiril" vor allem ihre Seekrankheit im Gedächtnis haften blieb.

Die Schiffsmaschine wurde mit Kohle befeuert, die in den fünziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch Öl ersetzt wurde. Zur gleichen Zeit erhielt das Schiff eine Radaranlage. Das war eine wesentliche Verbesserung für die Sicherheit des Schiffes. Vorher konnte man bei Nebel mit Hilfe der Schiffsirene nur ungefähr feststellen, wie dicht das Schiff sich unter Land befand. Für die Fahrt von Suðuroy nach Tórshavn benötigte das Schiff vier Stunden.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die „Smiril" zweimal von deutschen Fugzeugen angegriffen. Der erste Angriff geschah am späten Vormittag des 14 Juli 1941, als das Schiff sich auf der Fahrt von Tvøroyri nach Tórshavn drei Seemeilen östlich von St?ra Dímun befand. Das Flugzeug warf vier Bomben und belegte das Schiff mit Maschinengewehrfeuer. Die Bomben verfehlten das Schiff, doch es wurde durch die Detonationen erschüttert und etwas aus dem Wasser gehoben. Zum Glück wurde bei diesem Angriff niemand verletzt. Die Schäden am Schiff waren beträchtlich, so dass es in Tórshavn vierzehn Tage zur Reparatur liegen musste.

Nach diesem Angriff war klar, dass die „Smiril" künftig nicht mehr unbewaffnet fahren konnte. Man installierte auf dem Schiff zwei feste Maschinengewehre, das eine vorne auf der Back und das andere achtern auf dem Deckshaus. Zwei Mann der Besatzung wurden in der Bedienung dieser Waffen ausgebildet.

Der zweite Luftangriff geschah am späten Vormittag des 2. Dezember 1941, als die „Smiril" gerade zum Löschen vor Skálavík auf Sandoy lag. Das Flugzeug, eine Junkers 88, beschoss das Schiff mit Maschinengewehrfeuer und warf zwei Bomben. Die Bomben detonierten zu weit vom Schiff entfernt, um schweren Schaden anrichten zu können. Die Besatzungsmitglieder, die für die Bedienung der Maschinengewehre an Bord ausgebildet waren, erwiderten das Feuer. Durch den MG-Beschuss wurde eine Person an Bord verletzt, ein englischer Militärgeistlicher. Die Verletzung war so schwer, dass er mit dem nächsten Schiff zur Behandlung nach Großbritannien gebracht wurde. Die „Smiril" konnte nach diesem Angriff aus eigener Kraft nach Tórshavn fahren, von wo sie zur Reparatur nach Skála auf Eysturoy fuhr. Dort erhielt sie außerdem ein Oerlikon-Flugabwehrgeschütz auf dem Achterdeck eingebaut und zwei doppelläufige Maschinengewehre zu beiden Seiten des Steuerhauses. Von nun an bis zum Kriegende waren immer einige britische Soldaten zur Bedienung dieser Waffen an Bord, wenn das Schiff unterwegs war. Die zweite „Smiril" war noch bis 1967 bei Strandfaraskip Landsins, der staatlichen Reederei der Färöer für die innerfäröischen Routen, in Dienst. 1970 wurde sie in Belgien abgewrackt.
 

Obwohl schon in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts deutlich geworden war, dass die zweite „Smiril" den gestiegenen Anforderungen für die innerfäröische Schifffahrt nicht mehr entsprach, konnte die färöische Landesregierung erst Mitte der sechziger Jahre einen Neubau in Auftrag geben. Der Auftrag für den Bau des d r i t t e n Schiffes für die Route nach Suðuroy ging an die „Tórshavnar Skipasmiðja" (Werft von Tórshavn). Der Stapellauf des neuen Schiffes fand im Frühjahr 1967 statt. Dieses Schiff erhielt als erstes, der gültigen Schreibweise entsprechend, den Namen „Smyril". Das Schiff hatte 941 Bruttoregistertonnen und bot Platz für 300 Passagiere. Es konnte sogar 5-7 Autos mitnehmen. Die Wagen mussten mit dem Kran an Bord gehievt werden. Vier bis fünf Wagen fanden im Laderaum unter dem Vorderdeck Platz. Und bei ruhiger See konnten zwei Wagen auf dem Vorderdeck stehen. Wer seinen Wagen auf das Schiff mitnehmen wollte, musste sich lange vorher für die Passage anmelden.

Das Schiff hatte als erstes eine Dieselmaschine, während die beiden Vorgängerinnen eine Dampfmaschine hatten. Es hatte Radar und Autopilot. Für die Passagiere standen zehn Kajüten mit 30 Betten, eine Cafeteria und ein Rauchsalon zur Verfügung.

Mit dieser neuen „Smyril" verringerte sich die Fahrzeit von Tórshavn nach Suðuroy auf drei Stunden. Und im Gegensatz zu seiner Vorgängerin lief das neue Schiff bei schwerer See viel ruhiger. Obwohl das Schiff in jeder Hinsicht gut ausgestattet war, genügte es bereits nach wenigen Jahren nicht mehr den neuen Ansprüchen. Die Ursache dafür war die zunehmende Motorisierung der Färöer. Viele Passagiere wünschten, ihre Pkws mitnehmen zu können, und das Umladen der Fracht von Lkws auf das Schiff und dann wieder vom Schiff auf Lkws war zeitraubend und kostspielig. Deshalb wurde die Forderung laut, auf der Route zur Südinsel ein richtiges Fährschiff einzusetzen.

Daher beschloss die Landesregierung 1975 den Kauf eines Fährschiffes. Es war die 1969 gebaute „Morten Mols" der dänischen Reederei „Mols Linien". Es war das v i e r t e Schiff, das den Namen „Smyril" erhielt. Der Kaufpreis betrug 25,75 Millionen Kronen, dazu kamen noch mehr als drei Millionen Kronen Kosten für erforderliche Umbauten. Der erste Einsatz der neuen „Smyril" unter färöischer Flagge geschah unter abenteuerlichen Umständen. Als das Schiff am 5. Juni 1975 von Kopenhagen aus Kurs auf die Färöer nahm, war bereits bekannt, dass auf den Färöern ein Streik der Fischer begonnen hatte, und dass die Fischer mit ihren Fischereifahrzeugen den Hafen von Tórshavn blockierten. Aber erst als das Schiff die Shetland-Inseln passiert hatte und in die Reichweite von Útvarp Føroya (Rundfunk der Färöer) gekommen war, konnte man an Bord genauere Informationen über die Streiksituation in Tórshavn erhalten. Daraufhin wiesen die an Bord anwesenden Thomas Arabo als Vertreter der Reederei Strandfaraskip Landsins und Finnbogi Ísaksen als der zuständige Minister der Landesregierung den Käpitän an, Kurs auf Tvøroyri zu nehmen. Außerdem wurden alle an Bord Anwesenden aufgefordert, bei Funkgesprächen mit den Färöern zu sagen, dass das Schiff Tórshavn anlaufen werde. Dadurch sollte verhindert werden, dass die Blockadeflotte der streikenden Fischer von Tórshavn in den Trongisvágsfjord umdirigiert wurde. Am Samstagabend des 7. Juni kam die „Smyril" ungehindert vor Tvøroyri an. Ein Fischkutter versuchte, das Anlegen der „Smyril" am Fährkai zu verhindern, indem er dort festmachte. Als er jedoch sah, wie das große Schiff sich näherte, nahm er Reißaus. Am nächsten Tag fuhr die „Smyril" nach Vágur, um sich dort vorzustellen.

In Vágur erhielten Thomas Arabo und Finnbogi Ísakson vom Lögmann Atli Dam telefonisch die Anweisung sich, am Montagmorgen zur Arbeit in Tórshavn einzufinden und dafür zu sorgen, dass die „Smyril" am Dienstagmorgen zu ihrer angekündigten ersten Linienfahrt - nach Norwegen - auslaufen konnte. Für diese Fahrt waren bereits viele Fahrkarten für Passagiere und Pkws verkauft worden. Die „Smyril" fuhr nun nach Tvøroyri, um dort den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten. Thomas Arabo und Finnbogi Ísaksen besorgten sich in Tvøroyri ein schnellgehendes Boot und fuhren in Richtung Tórshavn. Jedoch gingen sie - um kein Aufsehen zu erregen - in Argir an Land.

Es ging nun darum, die rund hundert Passagiere und die 30 Pkws, die mit der „Smyril" nach Norwegen reisen sollten, möglichst unbemerkt von den streikenden Fischern nach Suðuroy zu schaffen. Das geschah in einer Art „Nacht und Nebel"-Aktion, die Thomas Arabo organisierte, in Zusammenarbeit mit der Regierung, der Polizei und vor allem mit Sigurd Simonsen, dem Inhaber eines Reisebüros, das zugleich Agentur für die Auslandsfahrten von Strandfara Landsins war. Es war Sigurd Simonsens Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle Passagiere nach Streymoy kamen, ohne dass sie

erfuhren, wo sie an Bord der „Smyril" gehen würden. Die Passagiere wurden aufgefordert, sich am Dienstagmorgen des 10. Juni - je nachdem, woher sie anreisten - rechtzeitig bis zehn Uhr an drei Treffpunkten versammeln, und zwar Passagiere aus Tórshavn und Umgebung am Lehrerseminar in Tórshavn, solche aus Vágar bei einem Lehrer in Vestmanna und solche von Eysturoy und den Nordinseln im Pfarrhof von Hvalvík. In der Aufregung vergaß man, den Pfarrer in Hvalvík darüber zu informieren. Der Pfarrer war sehr erstaunt, aber auch erfreut, plötzlich so viele unbekannte Gäste in seinem Pfarrhof versammelt zu sehen, und sorgte in gut färöischer Tradition dafür, dass alle einen „kaffimunn" bekamen.

Thomas Arabo hatte inzwischen die Kapitäne der beiden Schiffe „Ritan" und „Tró:ndur" , die zur Flotte von Strandfaraskip Landsins gehörten, gebeten, an Land zu kommen, damit er ohne die Gefahr, abgehört zu werden, mit ihnen telefonieren konnte. Er wies sie an, mit ihren Schiffen im Kollafjord bzw. im Skálafjord vor Anker zu gehen und von dort um zehn Uhr nach Oyri zu fahren. Die Verantwortlichen hatten das südlich der Sundbrücke auf Eysturoy gelegene Oyri als Abfahrtsort nach Suðuroy gewählt, weil dieser Ort abgelegen ist, und weil man die Sundbrücke bei Bedarf leicht sperren konnte. Die Polizei erhielt Anweisung, ab zehn Uhr den Oyggjarvegur, die Bergstraße von Tórshavn in den Norden, unter Beobachtung zu halten, weil die Passagiere vom Sammelpunkt am Lehrerseminar in Tórshavn um zehn Uhr nach Oyri transportiert werden sollten. Gleichzeitig fuhren auch die beiden anderen Passagiergruppen nach Oyri ab, und die Polizei sorgte dafür, dass um elf Uhr nur noch Personen mit einem Fahrschein für die „Smyril" von Streymoy aus die Sundbrücke überqueren durften. Nicht allen Passagieren leuchtete gleich ein, warum sie ausgerechnet nach Oyri fahren sollten, wo sie doch auf die Fahrt nach Norwegen eingestellt waren. Wo die „Smyril" sie erwartete, erfuhren sie aus Gründen der Geheimhaltung erst an Bord.

Die „Smyril" konnte am selben Tag fahrplanmäßig mit allen Passagieren und Pkws von Tvøroyri aus mit Kurs auf Norwegen auslaufen. Am Donnerstag kam die „Smyril" zurück, diesmal in den Hafen von Tórshavn, wo sie von einer großen Menschenmenge begrüßt wurde. Der Streik der Fischer war am Mittwochvormittag abgeblasen worden.

Die „Morten Mols" war für den Einsatz in den flachen Gewässern der dänischen Ostsee gebaut. Deshalb hatte sie einen flachen Rumpf, wodurch sie in den rauheren färöischen Gewässern zum „Rollen" neigte. Dieses Problem wurde durch den nachträglichen Einbau von Stabilisatoren gelöst. Die vierte „Smyril" versah ihren Liniendienst nach Suðuroy dreißig Jahre lang. Es zeugt für die Seetüchtigkeit des Schiffes, dass in diesen Jahren an keinem einzigen Tag sämtliche Fahrten ausfielen, höchstens musste gelegentlich bei ganz schwerer See eine Überfahrt verschoben werden. Die vierte „Smyril" benötigte für die Route Tórshavn - Suðuroy je nach Seegang 2 bis 2 1/4 Stunden. In Ausnahmefällen konnte es auch mehr werden. Anfang der neunziger Jahre dauerte es in einem Winter einmal rund sechs Stunden, bis die „Smyril" am Ziel anlegen konnte.

Wegen des steigenden Bedarfs für Schiffspassagen ins Ausland kaufte die Landesregierung 1980 die „Mette Mols", das Schwesterschiff der ehemaligen Morten Mols", das ebenfalls 1969 in Ålborg gebaut worden war und von 1969 bis 1977 für die Reederei „Mols Linien" fuhr. 1977-1980 fuhr das Schiff für die Reederei DFDS. 1980 bis 1996 fuhr das Schiff unter dem Namen „Teistin" unter färöischer Flagge, nicht nur im innerfäröischen Linienverkehr, sondern auch auf der Norwegen- und der Schottlandroute. 1996 verkaufte die Reederei Strandfaraskip Landsins die „Teistin" an die „Moby Lines" in Italien, wo sie seither unter dem Namen „Moby Ale" eingesetzt wird.

Die vierte „Smyril" fuhr am 31. Oktober 2005 ihre letzte Linienfahrt unter färöischer Flagge. Im Dezember 2005 wurde sie an eine Gesellschaft in der Karibik verkauft, wo sie künftig eingesetzt werden soll. Der Kaufpreis betrug 3.150.000 Kronen (DKK). Das war nur die Hälfte der Summe, welche die Landesregierung sich als Verkaufserlös erhofft hatte. Aber die vier Mitbieter hatten noch weniger geboten.

Am 22. Februar 1999 gab die Post der Färöer vier Briefmarken heraus, auf denen alle vier „Smyril"- bzw. „Smiril"-Schiffe abgebildet sind.

Daten zur vierten „Smyril"

Baujahr: 1969
Werft: Ålborg Værft
Länge in der Wasserlinie: 87,52 m
Länge über alles: 92,66 m
Breite. 16,52 m
Tiefgang: 4,65 m
Bruttoregistertonnen: 2.430
Nettoregistertonnen: 1.003
Hauptmaschine. 4 x 2.520 PS, von Burmeister & Wain, Kopenhagen
Hilfsmaschine: 2 x 750 PS
Heckschrauben: zwei
Bugschraube: 1 x 800 PS
Höchstgeschwindigkeit: 19,5 Knoten
Reisegeschwindigkeit: 16,5 Knoten
Passagiere: 800 / 495
Pkw: 130
Betten: 182

Detlef Wildraut

Aus: TJALDUR 35/2006, S. 47-55

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