Nachruf auf das Ehrenmitglied des DFF

Jens Pauli Heinesen zum Gedenken

 

 

Am 19. Juli 2011 starb im Landeskrankenhaus in Tórshavn der färöische Schriftsteller Jens Pauli Heinesen im Alter von 78 Jahren.

Jens Pauli Heinesen wurde am12. November 1932 in Tórshavn geboren. Sein Vater war der Landwirt Petur Heinesen á Lofti in Sandavágur. Seine Mutter Anna Maria Malena Heinesen, geborene Johannesen, stammte von Hestur. Jens Pauli Heinesen verbrachte seine Kinderjahre in Sandavágur auf dem Hof der Eltern.

Er beendete bald nach dem Zweiten Weltkrieg seine Schulzeit auf der Volksschule. Der Wunsch, eine Druckerlehre zu beginnen, erfüllte sich nicht. Stattdessen bekam er die Möglichkeit, eine Lehre in einem Büro zu machen, die ihn aber bald nicht mehr befriedigte. Deshalb besuchte er nun die Präliminarschule, deren erfolgreicher Abschluss 1950 ihn zum Besuch des Gymnasiums berechtigte. Nach bestandenem Abitur 1952 riet ihm der Direktor des Gymnasium in Tórshavn, in Dänemark eine Lehrerausbildung zu machen. Jens Pauli Heinesen besuchte das Staatsseminarium in Emdrupsborg und war nach seinem Examen 1956 eine Zeit lang als Lehrer in Dänemark tätig. 1957 kehrte er auf die Färöer zurück und erhielt eine Anstellung an der Kommunalschule in Tórshavn. 1956 heiratete er Maud Brimheim. Die beiden bekamen eine Tochter, Elin. Später kam noch eine Adoptivtochter aus Vietnam in die Familie.

Über seine Zeit als Lehrer schrieb Jens Pauli Heinesen in einem „Brief an einen Freund“ unter anderem Folgendes: „Die Arbeitsumstände konnten kaum schlechter sein. Ich war ja Lehrer, wie du weißt, zunächst in der Volksschule, danach in der Realschule. Ich unterrichtete Sprachen: Färöisch, Deutsch und Englisch und außerdem Geografie. Und deshalb hatte ich jede Woche haufenweise Hausaufgaben und Aufsätze zu korrigieren, und, um die Wahrheit zu sagen, gefiel es mir außergewöhnlich gut, aber kaum eine Arbeit ist tödlicher für jemand, der schreiben will. Die Arbeitswoche dauerte sechs Tage, sie endete erst am Samstagnachmittag um drei, wenn man von dem langen Sitzen zu Hause verrückt geworden war. Ich war gezwungen, in den Zeiten zu schreiben, die übrig blieben, an den Sonntagen und an anderen schulfreien Tagen.“ (Tíðarkjarr, S. 118). Neben seiner Unterrichtstätigkeit an der Schule war Jens Pauli Heinesen Ausschussmitglied in der Buchverlagsabteilung des Lehrerverbandes der Färöer, Redakteur der Kinderzeitschrift und Redakteur der Schulbuchvereinigung.

Die Arbeitsbelastung machte ihn krank, und deshalb wurde ihm ein einjähriger Genesungsurlaub bewilligt, den die ganze Familie Heinesen 1968/69 in Südspanien verbrachte. Nach der Rückkehr auf die Färöer war sich Jens Pauli Heinesen darüber im Klaren, dass er sich nun entscheiden musste, entweder für eine Laufbahn als Lehrer oder für die Tätigkeit als freier Schriftsteller. 1970 schied er für immer aus dem Schuldienst aus.

Das war eine weitreichende Entscheidung. Er konnte ja nicht erwarten, in einer so kleinen Gesellschaft wie der färöischen seinen Lebensunterhalt nur mit Schriftstellerei zu bestreiten. Es bedeutete, dass es fortan Sache seiner Frau Maud war, fast alleine das Geld für den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen.

Der Tod seiner Frau, die am 7. September 2005 siebzigjährig starb, war für Jens Pauli Heinesen ein tief einschneidendes Ereignis. Seine Frau Maud war sozusagen die Seele des Hauses Heinesen gewesen. Neben ihrer Berufstätigkeit hatte sie sich um den Haushalt und alle praktischen Probleme des Alltags gekümmert, damit ihr Mann seine Zeit uneingeschränkt seiner schriftstellerischen Tätigkeit widmen konnte. Was sie selbst nicht davon abhielt, nebenher noch ein halbes Dutzend Kinderbücher zu verfassen. Ohne die unermüdliche Unterstützung seiner Frau war Jens Pauli Heinesen nun ein hilfloser alter Mann, der, auch aus gesundheitlichen Gründen, keinen eigenen Hausstand mehr führen konnte. Deshalb zog er einige Zeit nach dem Tod seiner Frau in ein Altersheim in Tórshavn. Jens Pauli Heinesens letztes Buch, Hvør var Nimrod? (Wer war Nimrod?), erschien 2004. Nach dem Tode seiner Frau fand er nicht mehr die Kraft, seine Arbeit als Schriftsteller fortzusetzen.

Das Elternhaus in Sandavágur, in dem der kleine Jens Pauli aufwuchs, war ein außergewöhnliches Elternhaus, in dem auch Bücher nicht fremd waren. Und gelegentlich kamen sogar Schriftsteller wie Hans Andrias Djuurhus und Heðin Brú zu einem Besuch vorbei. So war es nicht verwunderlich, dass bereits bei dem Jungen der Wunsch entstand, Schriftsteller zu werden. In dem autobiografischen Text Faðir og sonur (Vater und Sohn) in dem Erzählungsband Dropar í lívsins havi (Tropfen im Meer des Lebens), 1978, fragt der Vater seinen Sohn, was dieser werden will, und der Sohn antwortet, er wisse es nicht. Aber in seinem Aufsatz Hví skrivar tú? (Warum schreibst du?) sagt der Schriftsteller, dass er es sehr wohl wusste: „Ich wollte Schriftsteller werden, aber so etwas sagt ein Junge nicht, der gerade einmal vierzehn Jahre alt wird, und erst recht nicht in einer Gesellschaft wie der färöischen, in der sich alles um Fischfang dreht. Dann eher noch Papst in Rom“ (Tann gátuføri kærleikin [Die rätselhafte Liebe], S. 11).

Jens Pauli Heinesen hat ein umfangreiches schriftstellerisches Werk hinterlassen, das 35 Buchtitel umfasst, darunter 17 Romane, 10 Erzählungsbände, 5 Schauspiele, 2 Bände mit Aufsätzen und Essays und ein Kinderbuch. Er hat keinen Lyrikband veröffentlicht, obwohl er gelegentlich auch Lyrik geschrieben hat. Im Gegensatz zu seinem Dänisch schreibenden Namensvetter William Heinesen mit dem er entfernt verwandt war, hat Jens Pauli Heinesen sein gesamtes Werk auf Färöisch verfasst. Deshalb wurde er außerhalb der Färöer kaum bekannt, obwohl er mit seinem Werk bis heute der bedeutendste Färöisch schreibende Schriftsteller der Färöer geblieben ist.

Die kleine Volksgemeinschaft der Färöer hat eine ganze Reihe bedeutender Schriftsteller hervorgebracht. Neben Jens Pauli Heinesen sind hier vor allem Martin Joensen (1902-1966) und Heðin Brú (1901-1987) nennen, die beide der Generation vor Jens Pauli Heinesen angehören und seine Vorbilder waren. Anders als diese beiden schildert Jens Pauli Heinesen in seinem Werk nicht die Arbeitswelt, das Leben der Seeleute und Fischer. Und während Heðin Brú die Veränderung der färöischen Gesellschaft zu einer modernen Industriegesellschaft als Fortschritt auffasst, - freilich ohne die traditionelle färöische Gesellschaft gering zu achten – übt Jens Pauli Heinesen scharfe Kritik an den geistigen Defiziten und Fehlern in dieser modernen, technikorientierten Gesellschaft, was aber nicht bedeutet, dass er der traditionellen Gesellschaft irgendeinen Vorbildcharakter zugesteht. Der Kampf des Künstlers gegen geistige Verarmung und Stumpfsinn in der Gesellschaft spielt eine große Rolle im Werk von Jens Pauli Heinesen. Die Personifizierung des Künstlers ist der Schriftsteller. Dem Werdegang des Schriftstellers Hugin widmet Jens Pauli Heinesen einen Romanzyklus von sieben Bänden mit dem Gesamttitel Á ferð inn í eina óendaliga søgu (Unterwegs in eine unendliche Geschichte), 1980-1988. Das ist das bisher umfangreichste Romanwerk in färöischer Sprache. Der Titel erinnert wohl nicht nur zufällig an Marcel Prousts Romanzyklus À la recherche du temps perdu (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), 1913-1927. Die Handlung in Jens Pauli Heinesens Romanzyklus reicht von den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zu seinem Ende. So ist es kein Wunder, dass sich gerade in den ersten beiden Bänden mehr oder weniger autobiografisch gefärbte Anklänge an Jens Pauli Heinesens Kindheitsjahre in Sandavágur finden.

Der färöische Literaturkritiker Jógvan Isaksen schreibt am Ende seines Buches über das schriftstellerische Werk von Jens Pauli Heinesen, Sóttrøll. Um søgur og skaldsøgur eftir Jens Paula Heinesen (Rußflocken. Über Geschichten und Romane von Jens Pauli Heinesen), 2010, Folgendes: „In seinem Aufsatz Orðini (Die Worte) von 1970 zieht der Schriftsteller folgende Bilanz: Ein Herz für alle zu haben, für den Henker, das Opfer und den schlimmsten Verbrecher, das ist die Aufgabe dessen, der schreibt, und er fügt hinzu: Gewiss keine leichte Aufgabe, aber eine Alternative steht nicht zur Wahl. Obwohl Jens Pauli Heinesen als Kind und als Jugendlicher eine blauäugige Vorstellung von der Wertschätzung des Schriftstellers durch die Gesellschaft hatte, wurde ihm doch bald völlig klar, welches die Bedingungen waren. Sie waren alles andere als angenehm. Aber das spielte keine Rolle. Er schlug blutjung seinen Kurs ein, alles zu beschreiben, Lebendes und Totes, und nichts hat ihn von dieser Aufgabe abbringen können. Das Ergebnis ist das zeitlich umfangreichste Werk in der färöischen Dichtung und eines derer, die am längsten Bestand haben werden“ (S. 190).

Der Deutsch-färöische Freundeskreis hat sich Jens Pauli Heinesen in besonderer Weise verbunden gefühlt. Da der Verein in den ersten Jahren nach der Gründung noch kein Ehrenmitglied hatte, schlug ein Mitglied vor, Jens Pauli Heinesen anzufragen, ob er bereit sei, die Ehrenmitgliedschaft im DFF anzunehmen. Ein Vorstandsmitglied nahm bei seinem nächsten Färöerbesuch den Kontakt zu Jens Pauli Heinesen auf, den der bekannte färöische Schulmann Jeffrei Henriksen freundlicherweise durch ein Telefongespräch vermittelte. Jens Pauli Heinesen reagierte spontan sehr positiv auf diese Anfrage des DFF, und so wurde er im Jahre 1993 Ehrenmitglied des Vereins. In den folgenden Jahren ergaben sich bei Besuchen von Vorstandsmitgliedern auf den Färöern rege Kontakte zur Familie Heinesen (Siehe dazu auch den Nachruf auf Maud Heinesen in TJALDUR 38/2006, S.63). Bei diesen Gelegenheiten betonte Jens Pauli Heinesen unter anderem, wie wichtig für ihn das dichterische Werk von Thomas Mann sei. Einmal sagte er – auf Deutsch: „Mich interessiert alles an der Mann-Familie.“ Und wir wussten nun, was wir beim nächsten Besuch als Gastgeschenk mitbringen konnten. Als der Deutsch-Färöische Freundeskreis 1998 in Düsseldorf sein zehnjähriges Bestehen feierte, waren Jens Pauli Heinesen und seine Frau Maud Gäste des DFF auf der Jubiläumsfeier, und Jens Pauli hielt einen Vortrag über sein schriftstellerisches Werk und über die Existenz als Schriftsteller auf den Färöern unter dem Titel Die Welt retten wollen (TJALDUR 21/1998, S. 17-20).

Als Jens Pauli Heinesen Ehrenmitglied des DFF wurde, gab es nur einen einzigen Text von Jens Pauli Heinesen, der ins Deutsche übersetzt worden war, die Kurzgeschichte Viðføri mítt (Mein Reisegepäck), deren Übersetzung der Skandinavist Heinz Barüske besorgt hatte. In den folgenden Jahren bemühte sich der DFF, durch eigene Übersetzungen, die in seiner Zeitschrift TJALDUR erschienen, dieses Repertoire etwas zu erweitern. Im TJALDUR erschienen Übersetzungen der Erzählungen Heimsins minsti sangur (Das kleinste Lied der Welt), Nr. 12/1994, S. 32-36, Kærleiki (Liebe), Nr. 21/1998, S. 21-28, und Drongurin, ið átti eina hvíta holu (Der Junge, der eine weiße Höhle hatte), Nr. 30/2003, S. 11-14. Schließlich trug der DFF durch seine Initiative entscheidend dazu bei, dass die von Professor Otmar Werner in Freiburg besorgte und nach seinem Tode unveröffentlicht hinterlassene Übersetzung des ersten Bandes: Nú ert tú mansbarn á foldum aus Jens Pauli Heinesens siebenbändigem Romanzyklus Á ferð inn í eina óendaliga søgu doch noch erscheinen konnte. Der Band erschien 2002 unter dem Titel Ein Kind hier auf Erden im Meysenburg-Verlag in Essen. Außerdem veröffentlichte der DFF im TJALDUR mehrere Aufsätze, die sich mit dem Werk Jens Pauli Heinesens befassten. Stellvertretend dafür sei hier ein Text des färöischen Literaturkritikers und Krimiautors Jógvan Isaksen genannt, der seinem Buch Færøsk Litteratur. Introduktion og punktnedslag, 1993, entnommen ist. Die Übersetzung erschien unter dem Titel „Ein Herz für alle haben ...“. Jens Pauli Heinesen als Verfasser in TJALDUR, 21/1998, S. 29-38.

So beachtlich das alles erscheinen mag, angesichts des gewaltigen Werkes von Jens Pauli Heinesen macht es uns bewusst, wie viel mehr Bemühungen wir ihm noch schuldig sind, um die Kenntnis von ihm und seinem Werk im deutschsprachigen Raum zu vertiefen.

Detlef Wildraut

Aus: TJALDUR, 46/2011, S.13-16

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