Die Milliarde kann zur Pest werden

Ein Gespräch mit Kristian Blak

Heini í Skorini

Er hält sich für einen Teil des kosmischen Zyklus und er meint, dass zu viele Menschen vor ihrer eigenen Existenz davonlaufen. 31 Jahre lang hat der 58 Jahre alte Pianist aus Südjütland färöische Musik gestaltet, und er lehnt es ab, seine Kunst den Bedingungen des Marktes im Jahre 2005 anzupassen. – Die künstlerische Integrität darf niemals der verlockenden Milliarde geopfert werden, das ist Kristian Blaks oberste Regel.

1974 kam ein 27 Jahre alter Däne auf die Färöer, um ein Jahr lang am Gymnasium in Tórshavn Musik und Französisch zu unterrichten. Aus einem Jahr wurden mehrere, und heute, 31 Jahre später, ist der Pianist aus Südjütland mit langem Haar und gebrochenem Färöisch das Symbol der färöischen Musik geworden und ist mehrere Jahrzehnte eine treibende Kraft im färöischen Musikleben gewesen.

Mit anderen Worten, das Jahr 1974 wurde ein Schicksalsjahr. Sowohl für das Leben von Kristian Blak, aber nicht zuletzt auch für das färöische Kulturleben, auf das der Mann von „úti á Reyni“ in Tórshavn einen unschätzbaren Einfluss gehabt hat.

Die Natur zog
Nachdem Kristian Blak 1972 sein Studium in Französisch und Musik an der Universität in Århus abgeschlossen hatte, unterrichtete er drei Jahre lang an einem Gymnasium in Fredericia, aber aufgrund seiner Herkunft aus einer dänischen Dorfgemeinschaft in Südjütland hatte der Künstler den innigen Wunsch, eine lokale Gemeinschaft in einer unverdorbenen Natur auszuprobieren, die nach seiner Aussage eine dauerhafte Inspiration für seine musikalische Tätigkeit gewesen ist. Grönland war eine Möglichkeit, die Peripherie von Norwegen eine andere, aber plötzlich bot sich eine Möglichkeit auf den Färöern, von denen er so gut wie nichts wusste.

„Ich nahm die Möglichkeit wahr und begann 1974, am Gymnasium in Tórshavn zu unterrichten, und vorläufig war nur geplant, ein Jahr lang zu unterrichten. Aber das Land gefiel mir gut, und ich begann in diesem Jahr mit so vielen musikalischen Projekten, dass ich nicht wieder weggehen konnte. Ich bekam die Genehmigung, weiterzumachen, und seitdem habe ich nicht mehr den Wunsch gehabt, fortzuziehen“, berichtet Kristian.

Und etwas von dem, mit dem der junge Däne in seinem ersten Jahr begann, lebt immer noch. Die Spælimennir erblickten das Licht der Welt, als Kristian ins Land kam, und später wurde die bekannte Gruppe Yggdrasil gegründet und feiert im nächsten Jahr ihr 25jähriges Jubiläum. Beiden Gruppen ist gemeinsam, dass Kristian als einziger vom ursprünglichen Ensemble übrig geblieben ist, und er berichtet, dass er sich aus seiner Anfangszeit auf den Färöern besonders an eine hilfreiche Hand erinnert.

„Ein Kollege am Gymnasium in Tórshavn namens Óli Breckmann half mir bei Plakaten, Postern und anderen praktischen Dingen, die mit der Sprache zu tun haben, und ich erinnere mich an Óli als nützliche Hilfe während dieser ersten Jahre in einer fremden Umgebung“, berichtet Kristian.

Er traf seine jetzige Frau, Sharon Weiss aus Amerika, 1976 auf den Färöern. 1979 kam der erste Sohn, Mikael, den die meisten Musikinteressierten auch von Gruppen wie Clickhaze, 200, Teittur Lassen, Enekk usw. kennen. Kristian berichtet, dass seine letzten Überlegungen, von den Färöern wegzuziehen zu den Akten gelegt wurden, als auf den Färöern die Familie in sein Leben trat. Der zweite Sohn, Sámal, kam 1983, und die Tochter Rebekka wurde 1988 geboren.

Ein glücklicher Künstler
Und heute ist Kristian, kurz gesagt, einer der zentralsten Namen im färöischen Musikleben geworden, mit all den Initiativen, die er seit 1974 ergriffen hat. 1979 gründeten er und andere den Schallplattenverlag TUTL, der mehr als 250 Ausgaben auf dem Buckel hat, und dort ist Kristian der Geschäftsführer. Ende der 80er Jahre war er an der Gründung des Verbandes der färöischen Komponisten beteiligt, und als Solist hat er persönlich 30 Ausgaben auf den färöischen und den ausländischen Markt gebracht. Auf Konzertreisen mit Yggdrasil und den Spælimenn ist er auf der ganzen Welt herumgekommen und er hat zu Hause und im Ausland eine große Zahl von Konzerten und Festivals organisiert. Die Jahre 1977, 1981, 1985 und 1985 waren für Kristian und seine Begleiter Tourneejahre par excellence.

Aber wie beurteilt Kristian Blak die färöische Musikwelt im Jahre 2005? „Es ist lange klar gewesen, dass es mit musikalischen Themen auf den Färöern nicht zu Ende ist, aber ich bin überzeugt, dass wir, statt so viel über diesen einen internationalen Durchbruch zu reden, besser eine breite Förderung betreiben sollten. Ich will lieber eine breite Elite als einen einzigen Star sehen, denn ohne die nötige Breite bekommen wir die Einzelnen nicht zu Gesicht“, sagt er.

Er betont, das sei auf keinen Fall so zu verstehen, dass er sich keinen Durchbruch für die färöischen Musiker wünsche, aber er meint, wenn wir uns darum kümmerten, die Breite zu pflegen, würden sich schon einzelne Namen herausschälen und auf das Niveau steigen, das nach internationaler Ansicht erforderlich ist.

„Wir können eine Menge Energie und Geld für einen einzelnen Musiker aufwenden, auf den wir alles setzen, damit er ein Weltstar werden kann, und gleichzeitig die Breite und all’ das erstklassige Potential, das in der Breite liegt, vergessen“, meint Kristian Blak.

Und in diesem Zusammenhang kommen wir auf das Herzensanliegen eines Mannes zu sprechen, der für die Musik lebt und atmet, nämlich auf die Frage, was für einen Sinn ein Musikerleben haben soll.

„Für mich dreht sich alles um den glücklichen Musiker, und was mich betrifft, muss das Musikalische vor dem Kommerziellen kommen. Mein bester Ratschlag ist, das zu tun, wofür man sich interessiert, denn nur so kann man seine Musik zur Genüge genießen, und darum geht es doch bei der Musik“, bemerkt er.

Der erfahrene Musiker hat mehrere Beispiele dafür erlebt, dass es gefährlich sein kann, einen Vertrag mit großen internationalen Schallplattenverlagen abzuschließen. Oft muss man als Musiker einen Kompromiss mit seinen eigenen Hauptregeln eingehen und sich an das verkaufen, was andere von einem verlangen. Und eben diese Grenze zwischen Musik als marktgängiger Ware und Musik als Kunst liegt Kristian schwer auf dem Herzen.

„Wir alle wollen den Durchbruch haben und sehen, aber wir müssen uns gleichzeitig dessen bewusst sein, dass die verlockende Milliarde eine Pest werden kann. Wenn man nur Millionär werden kann, indem man seine Musik und künstlerische Integrität opfert, steht man als Musiker am Ende als Verlierer da. Deshalb müssen wir in unserer künstlerischen Arbeit fragen, was uns letzten Endes zu glücklichen Künstlern macht“, stellt Kristian Blak fest.

In diesem Zusammenhang erwähnt er Eivør Pálsdøttir als Beispiel und sagt, dass sie als Fünfzehnjährige alle Chancen hatte, als Playback-Girl in der dänischen Pop-Welt Millionen zu verdienen. Aber sie ist ihren eigenen Weg gegangen und kann mit ihrer Musik bestehen.

Stipendium im Jahre 2002
Kristian Blak unterrichtete bis 1997 am Gymnasium in Tórshavn, aber da war die Musik in seinem Leben so zeitaufwendig geworden, dass er sich dafür entschied, Vollzeitmusiker zu werden und am Gymnasium zu kündigen. Und besonders im geschäftlichen und praktischen Bereich hatte die Arbeit sich angehäuft.

„Der praktische und der geschäftliche Papierkram war allmählich so zeitaufwendig geworden, dass ich nicht unterrichten konnte, und gleichzeitig hatte ich immer weniger Zeit, selber zu spielen und neue Musik zu machen. Der geschäftliche Bereich bei TUTL nimmt heute die meiste Zeit in Anspruch, aber das Organisieren von Konzerten, Ausgaben, Konzertreisen, Festivals usw. ist auch sehr zeitaufwendig“, berichtet Kristian.

Kristian sagt ohne Zögern, dass er ein Workaholic ist, und deshalb wünscht er sich, Arbeitspersonal zu bekommen, das sich nur um die Geschäftsangelegenheiten kümmern kann, aber bisher hat TUTL sich kein fest angestelltes Personal leisten können. Deshalb sind die Aufgaben bei Kristian liegengeblieben, mit dem Ergebnis, dass er nicht die notwendige Zeit gehabt hat, dort zu sitzen, wo er sich am wohlsten fühlt, am Klavier.

2002 ergab sich für Kristian eine große Änderung, als ihm vom Kulturfonds des Landes ein Dreijahresstipendium zugeteilt wurde, das einem Lehrergehalt in der ersten Stufe entspricht. Ein Zeitabschnitt von fünf Jahren seit 1997 mit sehr unregelmäßigen Einkünften war zu Ende, und Kristian bekam die Möglichkeit, mehr Zeit für die Komposition von Musik zu nutzen.

„Der finanzielle Aspekt ist bei einem färöischen Musiker das größte Problem, und mein größter Wunsch für die färöische Musik ist, dass sie einigen Musikern einen Lebensunterhalt bieten kann. Das muss an erster Stelle stehen, wenn wir die färöische Musik entwickeln wollen“, sagt Kristian Blak.

Sartre und Camus
Im Laufe des Gesprächs nähern wir uns langsam den Menschen ganz allgemein. Und plötzlich beginnt er, von seiner übergeordneten Lebensanschauung zu berichten. Kristian sagt, dass während seiner Ausbildung in Französisch der französische Existentialismus sein Interesse fesselte, und die großen französischen Philosophen Jean-Paul Sartre und Albert Camus seine Sicht auf das Leben beeinflussten.

„Die existentialistische Botschaft, dass jeder Mensch die volle Verantwortung für die eigene Existenz übernehmen muss, habe ich mir angeeignet. Dass unsere grundlegende Verantwortung an unseren freien Willen innnerhalb bestimmter Grenzen gebunden ist, mit dieser Botschaft muss ein jeder Mensch konfrontiert werden. Das Leben ist voll banaler, aber bedeutsamer, Entscheidungen, die einen selbst und die Umstände, in denen man lebt, formen, und diese grundlegende persönliche Verantwortung hat großen Einfluss auf mich gehabt“, berichtet er.

Er schätzt, dass zu viele Menschen ihr Leben führen, ohne die volle Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, und somit handelt es sich um eine Flucht vor der eigenen Existenz. Man kann die Verantwortung immer auf die Umstände, die Mitmenschen und die Gesellschaft schieben, aber laut Kristian ist die persönliche Wahl innerhalb unserer Grenzen eine Pflicht, vor der zu viele Menschen davonlaufen.

„In einer Wohlfahrtsgesellschaft besteht immer die Gefahr, dass die Verantwortung auf die anderen abgewälzt wird. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, aber sie muss immer beim Einzelnen anfangen“, sagt er.

Obwohl er in den 60er Jahren jung war und einer Zeit angehört, die in großem Maße von der 68er-Generation beeinflusst wurde, sagt Kristian, dass er nie ein politischer Enthusiast gewesen ist, der für eine bestimmte Idee gekämpft hat. Er berichtet, dass er immer die Gabe gehabt hat, die Verhältnisse von verschiedenen Seiten zu betrachten, und seiner Meinung nach haben Ideen immer ihre Vor- und Nachteile.

„Deshalb habe ich nie die Veranlagung gehabt, eine bestimmte politische Idee anzuhimmeln. Eine funktionierende Demokratie ist nach meiner Auffassung ein Gleichgewicht zwischen verschiedenen Standpunkten, und eine gute Gesellschaft wird nach meiner Meinung dadurch geschaffen, dass wir eher das vertreten, was wir gemeinsam haben, als das, worüber wir uneins sind“, sagt Kristian Blak.

Der kosmische Zyklus
Kristian Blak ist mit der Amerikanerin Sharon Weiss verheiratet, die jüdischer Abstammung ist, und sie hat nach Kristians Meinung eine jüdische Mentalität mit in die Familie gebracht, von der er viel gelernt hat.

„Die jüdische Kultur legt großes Gewicht darauf, positive Eigenschaften zu pflegen und Tugenden im Menschen zu fördern. In dieser Kultur ist es wichtig, dass man höher gesteckte Ziele hat, und deshalb sollen die Talente von Kindesbeinen an gepflegt werden. Von dieser Mentalität habe ich viel gelernt, und von dieser anspruchsvollen Mentalität könnten die Menschen in den nordischen Ländern einiges lernen“, sagt er.

Als Beispiel für diese Einstellung erwähnt Kristian, dass seine Frau die Kinder beständig zu verschiedenen Freizeitbeschäftigungen angehalten hat, so dass die Kinder selbst allerhand Verschiedenes ausprobieren durften und dadurch bessere Voraussetzungen bekommen haben, selber zu wählen und das zu finden, wofür sie Interesse haben.

In gewisser Hinsicht war der jüdische Hintergrund von Sharon eine neue Inspiration für den protestantischen Hintergrund von Kristian. In einer dänischen Familie, wo der Vater Küster und die Mutter Organistin in der dänischen Volkskirche waren, war das Religiöse ein natürlicher Bestandteil seiner Kindheit. Aber welche Rolle spielt die religiöse Dimension heute in Kristians Leben?

„Obwohl ein Merkmal des französischen Existenzialismus, der mich fasziniert, die totale Negation Gottes ist, kann ich nicht sagen, dass ich Atheist bin. Ich habe kein konkretes Bild von einem Gott, aber ich kann keinesfalls so weit gehen, dass ich die eine oder andere Macht außerhalb von uns negiere“, sagt Kristian.

Und gerade im Bereich der großen Lebensfragen bekommt Kristian seine Inspiration, um neue Musik zu schaffen.

„Wenn man 58 Jahre alt geworden ist, werden einem der Tod und die Grenzen des Lebens bewusster. Die Zeit wird kostbarer, und man beginnt, in stärkerem Maße daran zu denken, wie man am besten über die Zeit verfügen kann, die einem noch bleibt. Im wesentlichen kann ich sagen, dass der Konflikt zwischen Leben und Tod ein immer wiederkehrendes Thema im meiner Musik ist, und im Laufe der Jahre beginnt man, in größerem Maße an die großen Zusammenhänge des Lebens zu denken“, sagt er. Und welche Einstellung hat Kristian Blak dann gegenüber dem Tod?

„Ich bin sehr eingenommen von dem Gedanken William Heinesens über den kosmischen Zyklus des Lebens. Und hier bekommt der Tod eine andere Bedeutung, eine Funktion, die einem größeren Ganzen dient. Alles Leben wird zu neuem Leben in einem ewigen Kreislauf, wo meine Atome sich verwandeln und z.B. zu einer Pflanze auf dem Meeresgrund werden, nachdem ich von dort gekommen bin. Mit diesem Ausgangspunkt ist alles Leben in einer Familie, und das ist ein Gedanke, der mich fasziniert“, sagt Kristian Blak. Er berichtet, dass er sich fortwährend an die Tage erinnert, als die Vorbilder Jean-Paul Sartre und William Heinesen starben. „Das war, als ob etwas Großes erlosch“, erinnert sich Kristian wieder.

Bolivien wartet
Kristian Blak hat seit 1997 Musik komponiert, und dem will er sich auch in den kommenden Jahren widmen. Sein Stipendium geht bis 2006, und dann wird er sehen, was danach geschieht. Sein Wunsch ist, dass er in größerem Maße andere dazu bringt, die zahlreichen Geschäftsführungsaufgaben zu übernehmen, die Teil seines musikalischen Berufsweges gewesen sind, so dass er selbst mehr Zeit für das Klavier bekommt. Demnächst muss er in das weit entfernte Bolivien reisen, und 2006 wird, so Kristian, ein außergewöhnliches Tourneejahr mit Auftritten von Yggdrasil rings um den Erdball.

Mit anderen Worten, er wird weiterhin das tun, was er am meisten liebt, Musik machen.

 
Aus dem Färöischen von Detlef Wildraut

Das Gespräch von Heini í Skorini mit Kristian Blak erschien unter dem Originaltitel Milliardin kann gerast ein pest in der färöischen Tageszeitung Sosialurin, Nr. 134, vom 16. Juli 2005.

Die Reaktion dankt Heini í Skorini für die freundliche Erlaubnis, die deutsche Übersetzung im TJLDUR abdrucken zu dürfen. Der Übersetzer dankt André Niclasen für einige hilfreiche Anmerkungen zur Übersetzung.

 
Aus: TJALDUR, 35/2006, S. 64-67

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