GRAUER OKTOBER ... ?

Detlef Knop

    Schon lange ist mir "Grauer Oktober" als Kriminalroman ein Begriff, doch in Deutsch erschienen ist er noch nicht, so dass ich ihn bisher nicht lesen konnte. Und daher ist mir auch noch nicht klar geworden, warum sich Jógvan Isaksen gerade für diesen Titel entschieden hat. Ist der Oktober auf den Färöern aber wirklich so grau, wie man es somit vermuten könnte ? Lohnt es sich dann überhaupt, die von mir so geschätzte nordatlantische Inselwelt auch im Oktober, also zu einer Jahreszeit, die selbst von einem färöischen Autor als "grau" bezeichnet wird, aufzusuchen?

    Diese Frage hatte ich schon lange im Hinterkopf gehabt, wie man so zu sagen pflegt, nur war die Verwirklichung, quasi die Probe aufs Exempel, stets daran gescheitert, dass die Herbstferien in Nordrhein-Westfalen nur eine Woche dauerten, und das ist für eine so weite Anreise zu wenig, zumal man keinen Sondertarif bekommt, wenn zwischen Hin- und Rückflug nicht ein Wochenende liegt. In diesem Jahr aber hatten wir im Oktober dann endlich 14 Tage Ferien, und da ich im Sommer wegen meiner Kandidatur für den Deutschen Bundestag nicht dazu gekommen war, Urlaub zu machen, war klar: Diesmal müssen es die Färöer im Oktober sein, grau hin - grau her. Nirgendwo sonst kann man so ungezwungen sein, Abstand gewinnen und zu sich selber finden.
    Zur Vorbereitung der Reise hatte ich eigentlich gar keine Zeit, lediglich die Buchung des Fluges konnte ich zuvor erledigen, und dabei kamen mir natürlich die Recherchen zugute, die ich vor nicht allzu langer Zeit vorgenommen hatte (s. "Tjaldur 16").
    Um auch einmal auszuprobieren, ob es wirklich so praktisch ist, die Reise von einem dänischen Provinzflughafen anzutreten, buchte ich Billund - Färöer und zurück . Leider geht das im Herbst nur noch mit MÆRSK AIR, die montags und freitags diese Route bedient. Rückblickend muss ich sagen: Diese Entscheidung war richtig. Zwar hatte es bei der Buchung einige Probleme gegeben (diese Verbindung war nicht in der Datenbank des START-Systems vorhanden), schließlich aber ging es doch, Flugpreis inklusive aller Gebühren: 748,50 DM. Dann noch etwas, von dem deutsche Autofahrer nur träumen können: Kostenloses Langzeitparken auf einem bewachten Parkplatz, von dem ein kostenloser Pendelbus zum Terminal verkehrt! Und natürlich: Es ist keine Fährüberfahrt nach Seeland erforderlich. Aber auch für diejenigen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, hat "Billunds Lufthavn" einige Bonbons zu bieten, so z.B. den Zubringer-Bus vom Bahnhof in Kolding, wo jetzt auch alle Nachtzüge von Deutschland via Hamburg nach Kopenhagen halten.
    Das Einchecken verlief problemlos, und bei der Ankunft auf der Heimreise am Freitag, dem 16. Oktober, ging es gar blitzschnell: Landung um genau 16.35 Uhr (Fahrplan: 16.40 Uhr) - Empfang des Gepäcks noch vor zehn vor Fünf !

    Nun aber zurück zum Anfang: Start am 5. Oktober 1998 pünktlich ab Billund, der Himmel ist wolkenverhangen, kurz: ein grauer Oktobertag. Irgendwie freue ich mich auf den Flug, denn dort oben scheint die Sonne, und die habe ich lange nicht mehr zu Sehen bekommen. Ob als Ausgleich eine Flugzeit von etwa zwei Stunden da nicht vielleicht zu kurz ist? Es kommt jedoch anders als befürchtet; natürlich scheint droben die Sonne, aber kaum dass die Wolken durchbrochen sind - da kündigt der Flugkapitän Sonnenschein auch auf den Färöern an !
    Abb 1:
    Im Oktober müssen alle beim Einfangen der Schafe mithelfen

    Und sobald das Flugzeug die Küstenlinie überschritten hat, reißt die Wolkendecke auf und das Meer wird tiefblau sichtbar. Wer hätte das gedacht! Die Landung auf Vágar verläuft problemlos, ich verblüffe einen ungläubigen Zollbeamten nur noch mit der Aussage, dass sich in einer meiner Taschen ein Fahrrad befindet und kann dann draußen vor dem Flughafengebäude auf zwei Rädern die Reise fortsetzen und den herrlichen Tag genießen. Goldener Oktober? Nun, das ist es auch wieder nicht, denn zu einem richtigen Herbsttag mit seinen goldleuchtenden Blättern fehlen auf den Färöern einfach die Bäume. Und das Gras ist noch recht grün, ich beobachte gareinige Bauern, die noch mit der für den Sommer typischen Heuernte beschäftigt sind. Sicherlich spielt da eine Rolle, dass es auf den Färöern selbst in als trocken geltenden Sommern wie der von 1998 (ja, es soll im Gegensatz zu Mitteleuropa ein schöner Sommer gewesen sein!) nie so heiß wird, dass die Pflanzen verdorren und lange frisch beiben. Trotz aller Sonne scheint es aber doch recht kalt zu sein,denn trotz der bergigen Strecke zwischen Sandavágur und Oyrargjóv komme ich nicht ins Schwitzen. In Vestmanna mache ich die erste längere Fahrtunterbrechung, um dort im Gasthaus "La Carreta" zu übernachten. Ich hatte diese Unterkunft von einem Besuch in den Vorjahren in recht angenehmer Erinnerung, vor allem, was das Restaurant mit dem herrlichen Blick auf den Hafen und den schmackhaften Speisen aus fangfrischem Fisch anbetrifft. Außerdem spricht man dort sehr gut Deutsch, die Familie hat in den siebziger Jahren für einige Zeit in Rendsburg gearbeitet und gelebt. Meine eMail (carreta@post.olivant.fo), mit der ich meine Ankunft angekündigt hatte, war allerdings nicht abgeholt worden.
    "Kein Problem", meint die Wirtin, als ich eintrete.
    Und tatsächlich, ich bin der einzige Gast, und so erweisen sich die nur fünf Betten des Gasthauses glatt als Überkapazität!
    Tags darauf begebe ich mich auf eine Wanderung in die Berge oberhalb der Stauseen.
    Auf dem Weg dorthin beobachte ich einen jungen Mann, der an einem Steilhang mit bloßen Händen Katoffeln erntet. Es scheint mithin nicht kalt zu sein, obwohl an diesem Tag nicht mehr die Sonne scheint - der Himmel präsentiert sich Grau in Grau. Also doch "grauer Oktober?"
    Nun was die Klarheit der Luft angeht, habe ich die Färöer noch nie klarer erlebt. Nicht die Spur von dem sonst immer irgendwo auszumachenden Dunst oder Nebel. Mein Taschenfernglas (10x25) erweist sich auf der Wanderung als etwas, was sich wirklich gelohnt hat, trotz aller Einschränkungen beim Gewicht, einzupacken. Ich erlebe überraschendste klare Eindrücke, sobald ich es an die Augen setze! Dem Klimakundigen, der um die Zusammenhänge weiß, ist sicherlich schon längst klar geworden, warum dieses Phänomen so und nicht anders auftritt: Im Herbst ist die Luft über dem Wasser wärmer als über dem Land, so dass es dort - anders als bei uns - eben keinen Nebel gibt, der färöische Nebel ist ein Phänomen der Sommermonate, wo sich die Luft über dem Land schneller erwärmt als über dem Meer. Und dann die Lichtwechsel: Was wird oft geschwärmt von den zauberhaften Spielarten des Lichts auf den Färöern, und zwar von Leuten, die die Inseln nur im Sommer besucht haben; so wie ich eben bisher auch. Um so überraschter bin ich, dass diese Erscheinungen jetzt im Herbst noch intensiver ausfallen; die etwas längeren, kräftigeren Schatten geben den Szenarien ein ausgeprägteres Profil.
    Fazit: "Klarer Oktober!"
    Abb 2:
    Bei Velbastaður mittags am 10. Oktober 1998:
    Die Felsen am Straßenrand werden durch Schatten markant.

    Abends dann besuche ich die Nielsens. Obwohl völlig unangemeldet, bin ich herzlich willkommen. Und es wird für mich ein anregender Abend. Zum ersten Mal diskutieren wir lebhaft über Politik, und zwar über ein Thema, was mich auch bei den anderen Besuchen nicht loslassen wird: Sollen die Färöer die volle Souveränität anstreben oder sollten sie angesichts der Unwägbarkeiten, die nun einmal in einem für ein so kleines Land doch so gewaltigen Vorhaben liegen, besser davon Abstand nehmen?
    Ich stelle die These auf, die Färöer hätten aus ihrer Sicht nur die Wahl zwischen Pest und Colera: Pest eine EG,unter deren Dach die Färöer als kleine Nation mit all ihren Eigenheiten schlüpfen könnte und Cholera das Königreich Dänemark mit seiner für viele mittlerweile verstärkt als doch recht arrogant empfundenen Bevormundung. Raimund Nielsen aber setzt voll auf die Souveränität - während wir in Deutschland unsere Währung auf eine noch größere Basis, den EURO stellen werden, sieht er das Heil der Färöer in eigener Valuta, nur dann könne man erkennen, dass die Gewinne der färöischen Volkswirtschaft größer seien als deren Verluste! Schließlich kommen wir auch noch auf Privates zu sprechen. Man zeigt mir ein Bild von Tochter Angelika, die mir bescheiden gegenüber sitzt. Wieso dann ein Bild? Nun, es steht in der Zeitung, im "SOSIALURIN": Angelika in Großaufnahme, als Violinistin bei einem Konzert des Sinfonieorchesters. Für ein Mädchen der neunten Klasse eine her-vorragende Leistung! Bei Nielsens gibt es keinen Fernseher, auf dem Tisch stehen Kerzen, und wir plaudern und plaudern. So wird der Abend zu einem Erlebnis, das ich mit "anheimelnder Oktober" umschreiben möchte. Tags darauf will ich endlich nach Tórshavn. Die Wirtin im "Carreta" bedeutet mir, ich solle mich beeilen, für den Nachmittag sei schlechtes Wetter angekündigt. Ich packe also meine Sachen und schwinge mich schleunigst auf mein Mini-Rad. Das schlechte Wetter ereilt mich aber schon auf der Straße am Ortsausgang, als ich bergan mit heftigem Gegenwind zu kämpfen habe. Glücklicherweise regnet es nicht noch nicht. Aber da es schon "droht", sehe ich doch zu, dass ich voran komme. Dennoch geht es langsamer, als ich gedacht hatte. Der Wind hat sich zum Sturm entwickelt, und auf der Höhenstraße, etwa 7 Kilometer vor Tórshavn, bläst er mich fast vom Rad. Nach drei Stunden und zwanzig Minuten stelle ich mein "Stahlross" vor dem SMS-Einkaufszentrum ab, esse im "PERLAN" und versuche, Heri Jacobsen anzurufen. Das sollte ich unbedingt tun, ich hatte dem DFF-Vorsitzenden, Detlef Wildraut, versprochen, einige der neuen Mitglieder zu besuchen. Er wollte zu dem Zweck mein Kommen ankündigen. Aber bei dem Versuch sollte es bleiben, es meldet sich niemand. Also suche ich erst einmal André Niclasen auf, und während ich bei ihm bin, fängt es tatsächlich an zu regnen - und es hört an diesem Tag auch nicht mehr auf:
    "Nasser Oktober!"

    Auch am nächsten Tag regnet es noch. Nachdem ich der Kommuna-Skuli einen Besuch abgestattet und dort versucht habe, den Schülerinnen und Schülern einer neunten Klasse das komplizierte deutsche Bildungssystem zu erklären, suche ich Schutz im SMS. Dabei präsentiert sich mir gleich in der Eingangshalle - und natürlich auch den anderen Besuchern - als Sonderschau die "elektronische Woche". Mein besonderes Interesse erweckt gleich die Ausstellung des Buchhändlers, der das neue einsprachige Wörterbuch nebst einer dänischen Version des Matras'schen "Føroysk-Donsk" parallel auf einem Computerbildschirm vorführt. Ich komme ins Gespräch und erfahre, dass das "Orðabók" auch im Internet abrufbar ist, zwar noch nicht komplett, aber doch schon zu einem erheblichen Teil. Als Dank dafür rufe ich die Intenet-Seiten des DFF auf und zeige ihm mein Mini-Wörterbuch; da ist er aber überrascht! Anschließend begebe ich mich zu Jens-Pauli Heinesen, mit dem ich ein angeregtes, fast vierstündiges Gespräch führe. Narürlich geht es wieder um Politik; Jens-Pauli zeigt mir die Artikelserie, die er im "Sosialurin" veröffentlicht hat und die er als Satire verstanden wissen möchte. Tenor: Die Leute von der "Tjóðveldisflokkurin", der radikalen Unabhängigkeitspartei also, die als eindeutiger Sieger aus den Løgtingswahlen am 30. April hervorgegangen waren, sollten nicht als "Bettelärsche" auftreten. Wenn sie wirklich die völlige Loslösung der Färöer von Dänemark wollten, dann sollten sie auch soviel Ehrgefühl besitzen und kein Geld mehr von Dänemark fordern. Als ich das Haus von Jens-Pauli verlasse, regnet es stärker als zuvor, es schüttet:
    "Klatschnasser Oktober"!

    Somit hat sich dann ein Rhythmus meines Färöer-Aufenthalts herausgebildet, den ich so umschreiben könnte: Immer wenn es nass oder dunkel ist, mache ich irgendwelche Besuche, ansonsten bin ich unterwegs und genieße die großartige färöische Landschaft. Vom letzten Wahlkampf trainiert besuche ich dabei auch die Redaktion der traditionsreichen Tageszeitung "Dimmalætting", um auch Propaganda für den Deutsch-Färöischen Freundeskreis zu machen. Ich erreiche, dass gleich zwei Artikel an exponierter Stelle über mich abgedruckt werden, und anderntags werde ich gleich mehrfach von mir Fremden angesprochen, die es ganz toll finden, dass jemand aus Deutschland mit dem Fahrrad herumreist. Ich solle bloß wiederkommen und von ihrem schönen Land erzählen (was ich gern hiermit tue).

    Auf Suðuroy, wo es auch im Sommer nur wenige Touristen geben soll, besuche ich die Østers, deren Tochter Mariann vor drei Jahren als erste der färöischen Lehrerstudenten auf Einladung des DFF in Deutschland war. Anton Øster, es ist der Inhaber des wohl bedeutendsten Blumenhandels auf den Färöern, ist nicht gerade begeistert von den Aussichten einer völligen Unabhängigkeit. Er meint: "Wir auf Suðuroy sind doch nicht wirr im Kopf. Wir haben Javnaðarflokkurin(= die Sozialdemokratische Partei) gewählt."

    Die Tage bis zur Abreise vergehen dann doch wieder allzu schnell, und als ich dann am 15. Oktober, laut färöischem Kalender ein Tag nach dem Beginn des Winterhalbjahres ("Veturnættur") den Weg von Tórshavn übers Gebirge nach Norden Richtung Vestmanna /Flughafen nehme, gerate ich nahe der dänischen Militärbasis in einen Schnee- und Graupelsturm. Obwohl es bergab geht, muss ich absteigen und schieben. Der Sturm kennt keine Gnade und im Nu ist alles tiefverschneit, sodass das dänische Militär mit schwerem Schneeräumgerät ausrückt: "Weißer Oktober"!
    In der Cafeteria der STATOIL-Station im Kollfjarðardalur wärme ich mich ein wenig auf, bevor es weitergeht.
    Ich durchradle den Tunnel am Leynavatn und bald habe ich Kvivík erreicht. Jetzt scheint wieder die Sonne und taucht alles in ein goldenes Licht. Malerisch über dem Ort mit seinem Kirchlein erhebt sich im Hintergrund der Skælingsfjall - mit einer weißen Kappe. So schieße ich dann ein Foto, ein richtiges Weihnachtsbild, wie es klischeehafter nicht sein könnte:
    Abb. 3:
    In Kvivík nachmittags am 15. Oktober 1998

    Tags darauf im Flugzeug halte ich einen ersten Rückblick und glaube feststellen zu können:
    Grauer Oktober? Dass ich nicht lache!
    Der Oktober hatte alles geboten, was das färöische Wetter nur bieten kann, außer dem Grau des Nebels. Mir erschien er genau so wenig grau, wie die färöische Sommernacht mild ist (das ist auch ein Titel eines Krimis von Jógvan Isaksen)- oder so wenig kriminell, wie die Färinger es wohl trotz aller Isaksen-Kriminalromane sind (obwohl bei der Ankunft auf dem Flughafen ein Hund eingesetzt wurde, um das Gepäck der Passagiere nach Drogen zu durchschnüffeln) - oder so wenig wie Sandoy flach ist (das jedenfalls sagen die Färinger; als Fahrradfahrer aber sehe ich das verständlicherweise ganz anders!).
    Nun gut, aus dem Blickwinkel derer, die ständig auf den Färöern wohnen, mag das wohl alles so sein, aber als aus der Sicht eines Mitteleuropäers ???
    Der aber hat noch ganz andere Erfahrungen gemacht:
    Im Oktober ist der Tourist wirklich Gast, und die Leute sind unheimlich nett - vielleicht auch, weil Fremde ein wenig Abwechslung in den nun als "grau" empfundenen Alltag bringen.
    Abb 4:
    Tórshavn am Nachmittag des 8. Oktober 1998:
    Leuchtende Farbenpracht am westlichen Hafen!

    ANMERKUNGEN:

    Inzwischen fliegt MÆRSK AIR nicht mehr die Färöer an, die Verbindung ist aber von ATLANTIC Airways übernommen worden - und auch die Fähre zwischen Vestmanna und Vágur verkehrt nicht mehr, "La Carreta" ist nur noch Schall und Rauch (dem unterseeischen Tunnel sei Dank???), aber immerhin ist "Grauer Oktober" nun im Dortmunder Grafit-Verlag doch noch erschienen, allerdings unter einem anderen Titel: "Option Färöer". Und in der Tat: Ein Besuch der Färöer im Oktober ist auch eine Option, die man nicht ungeprüft lassen sollte!